Sonntag, 29. Juni 2014

Ungeküsst-Kapitel 1 & 2

Es ist Sonntag Abend und ich habe meine guten Vorsätze leider nicht verwirklichen können: statt heute Mittag geht mein Beitrag erst heute Abend live. Wie schafft man es bloß, alles pünktlich zu schaffen? Zeit ist bei mir momentan leider echt Mangelware, aber nächste Woche schaffe ich es am Sonntag bestimmt pünktlich bis 12 Uhr mittags!

Lange Rede-kurzer Sinn: Es ist soweit! Tataaa! 

Ihr könnt hier den ersten Abschnitt von meinem noch nicht vollendeten Roman "Ungeküsst" lesen und ich freue mich schon auf Feedback jedweder Art.

Wovon handelt "Ungeküsst"?

Die chaotische Museumsführerin Lucy verliebt sich bei den Ermittlungen zum mysteriösen Tod ihres Chefs in den attraktiven Polizisten Brand. Auch er scheint Gefühle für Lucy zu hegen, jedoch wagt er keinerlei Annäherungen. Welches Geheimnis verbergen seine schönen grünen Augen?

Hier der erste Abschnitt:

1.Kapitel

Heute war einer der verdammten Tage, an denen ich mir wünschte, meinen Wecker nicht gehört zu haben.
Die Fotokameras und iPhones der Besucher blitzten so sehr, dass ich das Gefühl hatte, bald blind zu werden. Kleine Blitze tanzten vor meinen Augen, so dass ich während meiner detaillierten Ausführungen etwas irritiert wurde. Etwa 20 dunkle, mandelförmige Augenpaare schauten zu mir auf, die Köpfe mit Sonnenhüten ausgestattet. Mit meinen 1,70 m fühlte ich mich wie ein Riese unter lauter Zwergen und versuchte krampfhaft, meine Schultern nicht einzuziehen. Aber das war noch nicht alles, was meinen Workflow störte. Nach jedem dritten Satz musste ich eine Pause einlegen, damit die Leiterin der japanischen Reisegruppe das Gesagte auf Japanisch übersetzen konnte. Große „Aahs“ und zustimmende „Oohs“ folgten, woraufhin ich mich zu einem Lächeln zwang. Mundwinkel nach oben, so ist es fein! Schließlich hatte ich zuvorkommend angeboten, die Führung auf Englisch zu machen, doch dies war der Leiterin Frau Kamasaki nicht recht. Dann halt nicht, obwohl ich mich etwas in meiner Gastfreundlichkeit gekränkt fühlte. Die japanischen Besucher scheinen ein straffes Programm zu durchlaufen, morgen stand schon Neuschwanstein auf ihrem Plan, erzählte mir Frau Kamasaki. „Am besten wären wir schon gestern mit unserem Programm durch gewesen.“ Sie seufzte.
Mit mäßiger Begeisterung führte ich meine 20-köpfige Reisegruppe aus Japan durch die beiden Stockwerke des Museums, vorbei an Bildern des 19. und 20.Jahrhunderts und diversen historischen Figuren außereuropäischer Kunst. Auch das neue Prunkstück des Folkwang-Museums, den Kelch der Zarin Katharina II., versuchte ich im Schnelldurchgang zu präsentieren.
Hier sehen Sie die neueste Errungenschaft des Museums. Nach jahrelanger Forschung gelang es unserem Professor Eickmans, in der Kälte Ostsibiriens den sagenumwobenen Kelch der Zarin Katharina der Großen zu finden. Wie Sie sehen, besteht der Kelch aus reinstem Gold. Sechs mandelförmige weiße und rote Diamanten verzieren die Seiten. Das geschätzte Alter des Stückes liegt bei 300 Jahren.“ Die Leiterin mit dem roten Regenschirm übersetzte.
Eine Frau mit einem gelben Hut und einer großen Sonnenbrille stellte sich lächelnd neben die Glasvitrine. Klick Klick Klick.
Hat jemand Fragen?“
Völlige Stille. Ich hätte auch fragen können, wer schon einmal Marsmännchen gesehen hat. „Nun, wenn keine Fragen mehr offen sind, wären wir am Ende angelangt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“
Die Gruppe klatschte.

Im Foyer zog mich die Leiterin, Frau Kamasaki, zur Seite. „Unsere Gruppe möchte Ihnen noch etwas präsentieren.“ sagte sie bedeutungsvoll. Einer der Herren zog seinen Ipod mit passenden Lautsprecherboxen hervor. Die Gruppe stellte sich in drei Reihen hintereinander auf. Was sollte denn das? Eine Kung Fu-Darbietung? Oder doch eher Karate? Oder Tai Chi? Ich war gespannt. Die Musik begann mit wilden Beats.
„Na je nun ta sa ro un in gan jo gin yo ja
Ko pi han ja ne yo yu rul a neun pum gyo gi nun yo ja
Ba mi o myon shim ja ngi tu go wo ji nun yo ja
Gu ron ban jon i nun yo ja“ .
Moment mal, das Lied kannte ich doch! Es lief doch gerade überall im Radio. Die 20 Touristen tanzten sichtlich begeistert den „Gangnam Style“ von dem koreanischen Rapper Psy. Ein wildes Gepolter und offensichtlich jede Menge Spaß, obwohl dieser Tanz so aussah, als würde eine Horde betrunkener Cowboys Kühe fangen. Einige Schüler einer gerade eingetroffenen Schulklasse zückten ihr Handy und fingen an, die Gruppe zu filmen. Die Mädchen kicherten.
Am Ende des Liedes fielen sich alle Tänzer juchzend in die Arme, die Augen leuchteten. Alle sahen mich erwartungsvoll an. Ich räusperte mich und suchte nach Worten.
Ja, also das war wirklich toll! Great, Fantastic! Gorgeous! Thank you very very much!“ Vor lauter Aufregung verfiel ich schon ins Englische und verneigte mich. Hoffentlich filmte das jetzt keiner.

Alle Tänzer versammelten sich schnaufend um die Leiterin. Sie sprach wenige Wörter auf Japanisch, dann brach die Gruppe auf. Ihnen sollte noch die Essener Innenstadt inklusive der Dampfbierbrauerei in Borbeck gezeigt werden. Im Gänsemarsch entfernte sich die Gruppe.

Nach dieser anstrengenden Gruppe beschloss ich, eine Pause einzulegen. Ab in den abgetrennten Personalbereich, hinein in die interne Küche. Wir Mitarbeiter hatten einen kleinen Raum zur Verfügung bekommen, in dem eine Küchenzeile, ein Kaffeevollautomat, ein Tisch mit 6 Stühlen sowie ein Sofa stand. Unzählige Gespräche hatten hier schon stattgefunden. Auf dem Sofa saß Daria, Hilfskraft des Professors und Aushilfe in der Museumscafeteria. Mit ihren megalangen Gazellenbeinen und der perfekten alabasterfarbenen Haut könnte sie ein erfolgreiches Model sein, dachte ich, als ich sie in ihrem schwarzen Strickkleid sah. Stattdessen half sie hier im Museum aus. „Hi Süße!“
Sie strahlte mich an. „Hi, wie geht’s dir?“
Ich hatte den Kaffeeautomaten erreicht und drückte auf das Latte Macchiato-Symbol. Laut sprudelnd flossen Milch und Kaffee in meinen Becher. Mit meinem Kaffee setzte ich mich zu ihr auf das rote Sofa, welches schon bessere Zeiten erlebt hatte. Ich wärmte mir die Hände an dem warmen Getränk, denn wie fast immer war mir kalt. Es war Mitte November und die Temperaturen wanderten stetig nach unten.
Daria seufzte. Sie sah erschöpft aus.
Stressig, ich muss noch ewig viel kopieren für den Professor. So einen riesigen Haufen hat er mir in die Hand gedrückt.“ Sie machte eine weite Handbewegung. „Wahrscheinlich bin ich damit die nächsten Stunden beschäftigt. Was wäre ein großer Denker ohne seine Helfer! Später muss ich noch Cupcakes backen für den Geburtstag von meiner Schwester. An die drei ausstehenden Hausarbeiten will ich gar nicht denken.“ Sie seufzte. Ich schaute sie lächelnd an. Das kam mir irgendwie bekannt vor. Da ich während meines Studiums nebenbei arbeiten musste, war es so gut wie unmöglich gewesen, das Studium in der Regelstudienzeit zu beenden. Meinen Abschluss hatte ich schließlich mit 27 Jahren in der Tasche.
Bringst du mir einen Cupcake mit? Du weißt, ich liebe Cupcakes! Die mit Spekulatius letztens waren ein Traum!“ Genießerisch schloss ich die Augen und bemerkte ein kleines Lächeln in Darias Mundwinkeln, als ich die Augen wieder öffnete. Sie bräuchte echt mal wieder etwas Erholung. „Genieße dein Studium und mach dir keinen Druck. Auf ein, zwei Semester mehr kommt es nicht an! Die Welt geht nicht unter!“ Ich rollte mit den Augen. Musste sie sich immer so konform verhalten und unbedingt alle Erwartungen erfüllen? Ich erinnerte mich an einen Leitspruch meiner damaligen WG-Mitbewohnerin Laura. „Klausuren kannst du nachholen, Partys nicht!“ Nicht dass ich selbst mich an das Motto gehalten hätte. Ich war ungern auf Partys gegangen. Zum einen, weil ich nicht tanzen konnte und keinen Alkohol vertrug, zum Anderen, weil ich sehr selten zu Partys eingeladen wurde. Ich gehörte nicht zu den beliebtesten meines Studiengangs und ein Partylöwe war ich auch nicht. Schade eigentlich. Darias Stimme brachte mich zurück in die Gegenwart.
Das ist einfacher gesagt als getan. Erzähl das mal dem Bafög-Amt. Ich muss die Klausuren schaffen, sonst wird mir das Bafög gestrichen.“
Dann ist feiern bis zum Umfallen und schlafen bis in die Puppen wohl nicht der beste Lösungsansatz. „Du Arme. Aber du schaffst das, da bin ich mir ganz sicher!“ Ich kannte zumindest sonst niemanden, der so viele Sachen auf einmal schaffte.
Danke. Das hoffe ich auch! Und wie läuft es bei dir?“ Gespannt schaute sie mich an. Sie hatte sich zu mir gewandt, die Tasse Kaffee in beiden Händen, die Beine leicht angewinkelt und zum Körper gezogen. Gott, ich kannte niemanden, der sich so grazil bewegte wie sie. Bei ihr sah alles ganz leicht und natürlich aus.
Ganz ok. Ich musste mich nur gerade um eine japanische Reisegruppe kümmern, das war ganz schön anstrengend. So schnell wie möglich und so viel wie möglich erzählen, da..“
Da sie morgen schon in Neuschwanstein sind, richtig?“
Genau. Was für ein Urlaub! Wie kann man sich das nur freiwillig antun.“
Die kennen es wahrscheinlich nicht anders. Ich habe gehört, dass Japaner sogar freiwillig auf ihren Urlaub verzichten, damit sie ihrer Firma Arbeit abnehmen können und die Kollegen entlasten. Das würde hier niemals vorkommen. Ich bräuchte auch mal dringend Urlaub.“ Daria nahm einen Schluck Kaffee, lehnte sich entspannt zurück und zündete sich eine Zigarette an. Sie inhalierte tief und schloss die Augen. Wie elegant das bei ihr aussah! Wie gemalt. Ich hatte das Rauchen ziemlich schnell sein gelassen, denn bei mir wirkte es irgendwie künstlich. Ich wusste nie so recht, wohin mit meinen Händen. Naja und das auf Lunge rauchen hatte auch nicht funktioniert. Plötzlich sah ich ein anderes Bild vor meinen Augen: Ihre klaren Konturen verschwanden, der bronzefarbene Ton der Nachmittagssonne verblasste. Daria, die nun nicht mehr Daria war, mit einem keck geschnittenem Bubikopf und einem mintfarbenen Fransenkleid. Sie trug ein goldenes Stirnband mit einer Pfauenfeder, in der einen Hand einen Zigarettenhalter aus Elfenbein mit einer Zigarette, in der anderen Hand ein Glas Champagner. Majestätisch lag sie auf einem Diwan, dann sprang sie auf und tanzte ausgelassen mit einem attraktiven jungen Gentleman im Frack. Kleine Sterne blitzten vor meinen Augen. Ich schüttelte den Kopf.
Alles ok mit dir?“ Daria saß wieder auf dem Sofa, ihre Haare wieder lang und in einem Pferdeschwanz gebändigt. Sie schaute besorgt.
Ja, es geht wieder.“
Du sahst gerade wie weggetreten aus.“
Mir war nur ein wenig schwindelig. Zuviel Stress.“ Träumerin, nannte mich meine Mutter. Doch ich träumte mich nicht bewusst weg, es war, als sei ich plötzlich ganz woanders, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Es passierte plötzlich, ohne Vorwarnung. Es raubte mir die Sinne. Unzählige therapeutische Sitzungen später hatten nichts an diesen Aussetzern geändert.


Wieso fährst du nicht einfach mal weg?“
Zum einen: das Semester hat doch gerade erst angefangen. Zum anderen: kein Geld. Miete, Essen, Klamotten, Bücher-da ist einfach kein Urlaub drin! Dabei würde ich so gerne mal am Strand liegen, raus aus dem Ruhrpott, an die Südsee oder Karibik! Aber eher kommt der Ritter mit seinem Pferd vorbei.“
Wer weiß, vielleicht hat er gerade nur einen Platten?“
Daria schaute mich verblüfft an. In den zwei Jahren seit ich sie kannte, hatte sie nur sporadisch alle paar Monate ein Date, die allesamt mehr oder weniger ein Albtraum waren. Anschließend war sie so frustriert von der Männerwelt, das sie beschloss, sich nicht mehr um die Liebe zu kümmern. Und ich? Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, jemals meine bessere Hälfte zu finden. Nach dem Desaster mit Tom war ich nicht bereit, es jemals wieder zu versuchen. Mit meiner Situation war ich zufrieden. Zwar schwebte ich nicht im 7.Himmel, aber ich war auch nicht zu Tode betrübt. Ich fand mein Leben mit Filou absolut ok. Wir lachten.
Genau, vielleicht steht er mit seinem R8 und kaputten Run Flat-Reifen grad kurz vor Bochum-Wattenscheid?“ Daria prustete los. Mir standen bereits die Tränen vor Lachen in den Augen. Die Situation war so absurd, dass wir beide kein Ende fanden.
In dem Moment betrat Christine alias Miss Motz die Küche. Wie immer ganz in schwarz. „Na, hab ich was verpasst? Was ist so lustig?“ Daria und ich schauten uns an. „Nichts. Ich muss dann mal weiterarbeiten“, sagte Daria, drückte ihre Zigarette aus und ging aus dem Raum.
Ja, ich auch.“ Ich erhob mich von der Couch. Nicht gerade höflich von uns, aber die Spaßbremse konnte niemand lange ertragen. Die Luft um Christine herum war eisig.

Ich muss mehr über diesen Kelch herausfinden.“ Professor Eickmans war in seinem Element. Auf seinem Schreibtisch türmten sich aufgeschlagene Bücher. Ich erkannte Titel wie „Das russische Zarenreich“, „Sibirische Geschichte“ und „Der heilige Gral“.
Seine Wangen waren ganz rot vor Anstrengung.
Ich fühlte an seiner Teekanne. „Ihr Tee ist schon wieder kalt geworden.“
Ja? Das kann sein. Ich forsche gerade, ich komme jetzt nicht dazu..“ Er wirkte etwas verwirrt. Sein graues Haar war zerzaust. Was ist bloß los?
Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
Überrascht schaute er mich an. „Natürlich! Mir geht es blendend, liebe Frau Abendroth. Ich verfolge eine ganz heiße Spur, aber noch möchte ich mich nicht genauer dazu äußern. Es wird sich in der nächsten Zeit herausstellen, ob ich mit meinen Vermutungen richtig liege. Ich hätte niemals gedacht, dass ich soweit vorstoßen würde. Dass ich den sagenumwobenen Kelch finden würde! Schon als Jugendlicher hat mich der Kelch fasziniert. Man war sich nie sicher, ob er nun Legende oder Realität war. Und nun habe ich den Beweis erbracht!“
Was für einen Beweis?“
Nun, dass der Kelch wirklich existiert! Habe ich Ihnen schon erzählt, wie ich den Kelch gefunden hatte?“ Natürlich hatte er das, aber ich hörte ihm gerne zu.
Nicht direkt. Ich kenne nur die Eckdaten. Bitte erzählen sie mir die Geschichte.“ sagte ich höflich und nahm auf dem Besuchersessel Platz.
Ich mochte sein Büro mit dem urigen Schreibtisch, dem rostbraunen Chesterfieldsofa und dem kleinen Besuchersessel. Fast immer saß der Prof hier, trank seinen Fencheltee ausschließlich von Yogi-Tee und forschte, die Nase tief in antiquarischen Büchern versunken. Hätte ich doch bloß eine Vorahnung gehabt, was in den nächsten Tagen geschehen würde.


2.Kapitel

Als ich an jenem Morgen zur Arbeit kam, traute ich meinen Augen kaum, denn helle Aufregung herrschte bereits auf dem
Museumsgelände. Mehrere Polizeiautos parkten vor dem Gebäude und einige Beamte begannen, den Eingangsbereich vor der großen Haupttreppe abzusperren. Mir kam es so vor, als wären diese Absperrbänder und uniformierten Menschen überall, so unliebsam wie ein Insekt in deiner Lieblingsmarmelade. Über all dem schwebte das Gefühl von Panik, welches mich buchstäblich wie eine Welle überrollte. Es kam mir vor wie eine Szene im Film, so unwirklich, einfach nicht zum Essener Folkwang-Museum passend. CSI Essen? Oder wurde vielleicht eine Folge vom „letzten Bullen“ hier gedreht? Aber dann wäre das Museum sicherlich darüber informiert worden. Natürlich war das Museum immer gut besucht, aber Polizeipräsenz war so gut wie nie zu spüren. Was ist hier bloß los, fragte ich mich. Da der Innenhof voller Menschen war, musste ich von meinem Fahrrad absteigen. Ich wunderte mich, wo die ganzen Menschen herkamen. Ob vielleicht etwas gestohlen wurde? Doch wer stahl schon einen van Gogh? Den konnte man ja nicht eben an jeder Ecke verscherbeln. Oder eine Schlägerei? Oder schlimmer, eine von Terroristen gelegte Bombe? Ich erinnerte mich daran, dass der Düsseldorfer Flughafen vor kurzem noch wegen eines möglichen Terroranschlags gesperrt wurde.

Bei dem Versuch durch den Haupteingang ins Gebäude zu kommen, stellte sich mir ein Polizist mit dunklem Bart in den Weg. „Sie können hier nicht durch. Das gesamte Gebäude ist gesperrt.“
Aber ich arbeite hier! Sie können Herrn Prof. Eickmans fragen, ich arbeite mit ihm zusammen, hier ist mein Dienstausweis.“ Ich hielt ihnen meinen Dienstausweis, welcher mich als Mitarbeiterin des Museums auszeichnete, entgegen. So leicht ließ ich mich nicht abschütteln. Ich war ja schließlich kein Terrorist, noch hatte ich andere kriminelle Delikte begangen. Die beiden sichtlich beschäftigten Polizisten tauschten gegenseitig Blicke aus. Schließlich fing der ältere, dickere Polizist mit den ergrauten Haaren an zu sprechen. Er schaute mir ernst in die Augen. Ich ahnte Schlimmes. Hatte ich etwas ausgefressen? In meinem Kopf liefen sämtliche Missetaten Revue. Dann verkündete er die Worte, die alles veränderten.
Prof. Eickmans wurde heute morgen tot in seinem Büro gefunden. Es tut mir leid. Bitte gehen Sie nach Hause.“
Was? Wie?“ Ich konnte es nicht fassen, wagte meinen Ohren nicht zu trauen. „Sprechen sie etwa von meinem Prof. Eickmans? Was ist ihm zugestoßen? Kann ich zu ihm?“ Mir fehlten die Worte. Das konnte doch nicht wahr sein. Träumte ich? Dies musste ein Alptraum sein. Das durfte nicht wahr sein.
Wir sind mit der Klärung des Falles beschäftigt. Die genaue Todesursache ist uns noch nicht bekannt. Bitte halten Sie uns nicht weiter auf, junge Frau.“

Benommen machte ich auf dem Absatz kehrt und stieg fassungslos die Treppe hinunter. Das konnte doch nicht wahr sein! Gestern Nachmittag hatte ich mich noch mit dem Professor unterhalten und nun weilte er nicht mehr unter uns! Ich hatte das Gefühl, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen. Als würde ich den Boden unter den Füßen verlieren. Weiter hinten erblickte ich ein vertrautes Gesicht, Daria, in Tränen aufgelöst. Ich lief auf sie zu. Dabei übersah ich einen Polizisten, so dass ich ihn versehentlich mit meinem Arm anrempelte. „Tschuldigung“ murmelte ich. Der Polizist trug eine schwarze Lederjacke und eine dunkelblaue Jeans, dazu ein weißes Hemd. Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er schien es eilig zu haben und schaute verärgert. Ein kühles, unbarmherziges Gesicht. Jemand, der keine Sekunde zögert, dich abzuknallen, dachte ich. Doch dann glätteten sich seine Gesichtszüge und er schaute mich durchdringend an. Fast so, als würde er mich kennen. Ernste, grüne Augen, die mich auf eine sonderbare Art irritierten. Für einen Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Augen, dann war er schon an mir vorbei.

Wie in Trance kam ich bei Daria an. Ein Blick in Ihr tränenüberströmtes Gesicht sagte alles. Sie weinte und fiel mir in die Arme. „Lucy, etwas Schlimmes ist mit Prof. Eickmans passiert. Eine der Putzfrauen hat Ihn heute morgen in seinem Büro gefunden. Er lag auf dem Boden und war bereits tot. Sie hat gleich die Polizei und den Notarzt gerufen, doch sie konnten nichts mehr für ihn tun.“ Sie schneuzte in ihr Taschentuch.
Was ist bloß mit ihm geschehen? Ich meine, er war doch gesund! Und er würde sich niemals selbst das Leben nehmen! Dafür war er viel zu lebensfroh!“ Ich musste schlucken. Ein Kloß der Beklemmung steckte in meinem Hals und ich spürte die Tränen in mir aufsteigen.
Vielleicht ein Herzinfarkt. Niemand weiß Genaues. Die Polizei ermittelt.“ mischte sich Peter ein.
Ist dir denn nichts aufgefallen, Peter? Du musst doch etwas bemerkt haben! Kein Geräusch, nichts?“ Zumindest unserem Pförtner muss doch etwas aufgefallen sein.
Es war alles ruhig. Auf unseren Bändern sind keine Auffälligkeiten. Gestern Abend um Acht hatte ich Eickmans ja noch gesehen, er hatte sich etwas zu essen vom Chinesen besorgt, da er in seinem Büro weiter forschen wollte. Das ist ja nichts ungewöhnliches. Ich nahm an, dass er mal wieder eine Nachtschicht eingelegt hatte. Allerdings muss noch jemand unbemerkt hineingekommen sein.“
Warum?“
Der Kelch ist weg.“
Der Kelch?“ Daria schaute erstaunt.
Ja, der Kelch der Zarin ist weg. Die Trophäe des Professors. Kaum eine Woche hier und schon spurlos verschwunden. Irgendwer hat das Ding mitgehen lassen. Was wollen die bloß mit diesem Ding? Und wie sind sie hier reingekommen?“
Bestimmt für irgendwelche kriminellen Kunstliebhaber.“ Daria seufzte und wischte sich die Tränen weg.
Ich kann es noch gar nicht fassen, dass er plötzlich nicht mehr unter uns ist. Er war so gütig und weise, ungeheuer gebildet. Er hat alle gleich behandelt und das hat ihn so menschlich gemacht.“ Darias Augen waren schon ganz verquollen vom ganzen Weinen. Instinktiv nahm ich sie in den Arm, als neue Tränen über ihre Wangen liefen. Nach einer Viertelstunde, einer gefühlten Ewigkeit, löste sie sich aus meinen Armen.
Ein plötzlicher Regen setzte ein. Der Himmel war dunkel und die ersten Tropfen fielen auf meinen Kopf. Bald würden wir völlig durchnässt sein. „Hey Daria, wir müssen rein. Komm, lass uns ins Gasolin gehen.“
Ok.“ sie schniefte. Peter lief zurück in sein Pförtnerhäuschen. So schnell wie möglich rannten wir über die Straße und waren nach wenigen Metern im Gasolin, unserem Stammcafé, angelangt.
Hey Mädels, schon so früh hier?“ Jo, der allzeit gut gelaunte Inhaber begrüßte uns herzlich. „Zu so früher Stunde hätte ich gar nicht mit euch gerechnet.“
Hi Jo.“
Ihr seid ja völlig naß geworden. Setzt euch doch erstmal. Was wollt ihr trinken?“
Nachdem wir unsere Getränke bekommen hatten, wurde mir die Tragweite des Geschehens richtig bewusst. Mein Mentor, die Person, die ich stets um Rat fragen konnte, weilte nicht mehr unter uns. Was wurde nun aus uns? Wie sollte der Alltag weiter gehen, wenn alles an den Professor erinnerte? Wer würde sein Erbe übernehmen? Aber es war noch zu früh für solche Fragen. Der schmerzliche Verlust überschattete alles. Jo brachte uns Decken, die wir um unsere Schultern schlungen. Stunde um Stunde saßen wir da, rührten in unserem Tee und konnten das Unglück nicht fassen.

Als ich abends voller Trauer schlafen ging, kam es mir so vor, als würde mich jemand beobachten. Dummes Zeug, sagte ich mir. Ich schaute von der Galerie nach unten. Um in mein Bett zu gelangen, kletterte ich eine kleine Holzleiter jeden Abend nach oben, um es mir in der Galerie, dem oberen Ende des Spitzbodens, gemütlich zu machen. Stehen konnte man hier nicht, aber hier war mein zugegeben sehr flaches Bett und seitlich neben mir mein geliebtes Bullaugenfenster. Nachts konnte ich sogar die Sterne beobachten durch das kleine runde Fenster. Ich befand mich ca. 3 Meter über dem Boden, so dass ich meinen Wohnbereich gut überblicken konnte. Niemand war zu sehen. Alles nur Einbildung, Hirngespinste. Dennoch war ich froh, dass es sich mein Kater Filou neben meinem Kopf bequem gemacht hatte. Er atmete ruhig und schnarchte leise vor sich hin. Ich streichelte sein warmes schwarzes Fell. Selbst im Schlaf schnurrte er noch. Voller wirrer Gedanken schlief ich ein.

Ich höre Vogelgezwitscher und das sanfte Wehen von Zweigen und Blättern im Wind. In der Nähe scheint ein Bach zu sein, ich höre leise Wasser rauschen. Ich bin in einem dichten Wald, die Luft riecht nach Gräsern, nach Lilien, nach Frühling. Kein Müll von Touristen weit und breit, ich befinde mich an einem idyllischen und harmonischen Fleckchen Erde. Ich beobachte ein rotbraunes Eichhörnchen, welches eifrig eine Haselnuss beiseite schafft. Da merke ich, wie sich etwas mit schneller Geschwindigkeit mir nähert. Aus einem Impuls heraus suche ich Zuflucht hinter einer riesigen alten Eiche, mit meinen Händen umklammere ich vorsichtig den gigantischen Stamm. Ein prächtiger schwarzen Hengst, auf dem ein Ritter in seiner Rüstung und mit rotem Wams sitzt, kommt aus der Ferne auf mich zu. Ein Ritter? Bin ich bei einem Mittelalter-Rollenspiel gelandet? Oder bin ich tatsächlich in einer anderen Zeit? Ich schaue an mir herunter. Ich trage eine Jeans von Seven, ein schwarzes „The Clash“-Shirt und schwarze Converse-Schuhe. Nicht gerade Mittelalter-tauglich. Ein Grund mehr, hier nicht Aufsehen zu erwecken. Ich spüre das Adrenalin der beiden. Der Ritter reitet immer weiter geradewegs auf mich zu und ich fühle mich wie mit dem Pferd verschmolzen. Das Gesicht des Ritters kann ich unter dem Stahlhelm nicht erkennen, so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann keinen Blick auf sein Gesicht erhaschen. Seine Haltung auf dem Pferd ist sehr stolz, elegant und dynamisch bewegt er sich auf dem Pferd fort, trotz der sicherlich sehr schweren Rüstung. Mein Herz schlägt wie verrückt. Gleich haben sie mein Versteck fast schon erreicht. Hoffentlich sieht mich der Ritter nicht. Plötzlich greift etwas nach dem Huf des Pferdes, es strauchelt. Was war das bloß? Eine kleine Hand? Der Ritter fällt zu Boden und schreit „Verdammt! Was war das?“. Seine Stimme kommt mir seltsam bekannt vor. Doch woher?Sie löst ein Gefühl in mir aus, welches ich nicht ganz beschreiben kann. Vertrautheit? In dem Moment merke ich, dass etwas anders ist. Der Baum, hinter dem ich mich versteckt hatte, ist kein gewöhnlicher Baum. Es scheint, als sei dieser aus einem Tiefschlaf erwacht, seine Äste bewegen sich und umschlingen mich plötzlich, ziehen mich näher an den Stamm. Mir bleibt die Luft weg, so eng ist diese unfreiwillige Umarmung, denn diese zum Leben erweckte Kreatur in Gestalt eines Baumes drückt fester und fester zu. Als ich weiter nach oben schaue, vermag ich eine Art Gesicht in dem Baum zu erkennen. Ein hässlicher, großer Schlitz in Form eines Mauls und rote, glühende Augen sehen mich böse an. Mein Herz schlägt bis zum Hals, eine bis dahin nicht gekannte Angst steigt in mir auf. Wie soll ich das hier überleben? Mein letztes Stündlein hat geschlagen, ich liege buchstäblich in den Armen des Todes. Schweißgebadet schreckte ich auf. Alles um mich herum war dunkel. Der Vollmond schien durch das Fenster hinein, warf seinen Lichtstrahl auf meine Bettdecke. Was sollte dieser Traum bloß bedeuten?

P.S. Das wars für heute! Wer erfahren möchte, wie es weitergeht, sollte sich nächsten Sonntag vormerken!

Ich wünsche euch noch einen entspannten Abend,

eure Mo


 
 

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